Montag, 8. Dezember 2014

Alatna - wir kommen


Dann geht alles sehr schnell. Das Flugzeug wird beladen, der Pilot flucht: „Hattet ihr beim Hinflug auch eine Beaver? Shit, all dieses Gepäck. Nein, diese beiden leeren Fässer kommen nicht mehr mit ...“ Und wir wiederum wissen, all dieses Gepäck kommt mit und die beiden leeren Fässer, tja, diese wird die Rangerin in Bettles unter „Verlust“ abschreiben können, denn es ist allgemein bekannt, dass die Eskimos nichts zurückschicken.

Wir nehmen‘s mit alaskanischer Gelassenheit, zwängen uns ins Flugzeug und hoffen, dass sich der Pilot nicht mit haarsträubenden Flugmanövern an uns rächen will. Nachdem er sich nach dem Start eine Prise „Snus“ genehmigt hat, beruhigt er sich wieder. Von da an steht der Flug wieder im Vordergrund und der ist phantastisch. Wir fliegen extrem nahe an Felswänden entlang, überfliegen Gebirgspässe mit 2-3 Metern Höhe Abstand. Das letzte Sonnenlicht leuchtet die Arrigetch-Mountains perfekt aus.

Über dem Circle-Lake kreist der Pilot nochmals ein paar Mal und sucht sich eine ideale Landschneise. Ich bin zwar noch etwas skeptisch, ob der schmale Korridor durch die Baumwipfel breit genug ist. Doch schon steuert der Pilot das Flugzeug auf diese Stelle zu. Ob man’s glaubt oder nicht: links und rechts der Flügel haben wir rund 2 Meter Abstand - Wahnsinn! Das sind für mich die wirklichen Cowboys der Lüfte.

(Adi)

Warten

Da wir das Flugzeug erst auf den 9. September bestellt haben und somit zwei Tage zu früh in Kobuk eingetroffen sind, sitzen wir die Zeit aus. Unglücklich darüber sind wir nicht. René baut eine Outdoor-Dusche, wir waschen Wäsche (halt von Hand) und die Schlafsäcke können wieder einmal richtig an der Sonne ausgelüftet werden.

Philipp und ich gehen um die Mittagszeit zu Guy an die „Metzgete“. Wir sind fasziniert, unter welch einfachen Bedingungen die Tiere auseinander getrennt werden. Es gibt einen Gartentisch, eine Handsäge, verschiedene Messer und natürlich die eigenen Hände. Guy löst das Fell des Karibus, indem er seine Hände wie einen Spatel braucht. Er hat unsere volle Aufmerksamkeit und geniesst es dementsprechend. Es knackt und reisst und immer wieder kichert Guy vor sich hin. Er ist Jäger mit Leib und Seele.

Zum Schluss schenkt er uns ein grosses Stück Karibufleisch. Als Gegenzug backen wir ihm und der Familie ein feines Brot, über welches sich alle freuen. Essen verbindet, macht Freude und - verbindet!
 
Heute sollte uns der Pilot von Kobuk abholen und an den Circle Lake fliegen. Ich habe mit Judy, der Managerin von der Brooks Range Aviation per Satellitentelefon vereinbart, dass wir am Nachmittag fliegen können. Nachmittag ist jedoch ein Begriff, welcher zeitlich nicht genau definiert ist. Und so stehen wir um 1200 Uhr abflugbereit am Fluss und warten. Wir verbringen die Zeit mit fischen, reden, dösen und Schokolade knabbern. Immer wieder suchen wir am Himmel nach Anzeichen eines heranknatternden Wasserflugzeugs, doch Fehlanzeige. Um 1700 Uhr bin ich mir mehr ganz sicher, ob ich Judy durch das Rauschen des Satellitentelefons richtig verstanden habe. Ich versuche darauf zu vertrauen, dass alles rund läuft und der Pilot seinen Flug einfach noch etwas geniesst.
 
1800 Uhr. Ich schaue zu meinen Weggefährten hinüber und versuche sie noch etwas bei der Stange zu halten. „Geben wir ihm doch noch eine halbe Stunde. Wenn er dann immer noch nicht da ist, dann...“ Doch ich muss gar keine weiteren Gedanken an das Wenn verschwenden, denn in diesem Moment vernehmen wir das Knattern des Beavermotors. Der Pilot kreist ein, zweimal über dem Kobukriver um die Landesituation zu checken. Wir wiederum verstauen noch schnell all den kleinen Plunder in den Taschen und nehmen Abschied von unseren Eskimofreunden. Wir wissen alle, es wird ein Wiedersehen geben! Gemeinsam spucken wir einen Grünen und einen Braunen auf den Boden - so geht das!

(Adi)

Kobuk City - oder warum es die neue Folge von „Ice Age 5“ wirklich geben wird

In Fairbanks haben Simi und ich uns im Internet noch etwas über das Dorf Kobuk erkundigt. Da hiess es unter anderem: „…Kobuk City verfügt über ein Gemeindehaus, eine Kurklinik, eine Baptistenkirche, ein Wäschehaus mit öffentlichen Duschen und Waschmaschinen…“ Nach etwas mehr als einer Woche Wildnisabenteuer freuen wir uns sehr auf eine heisse, nie endende Dusche. Anschliessend können wir die leicht penetrant riechende Kleidung für den zweiten Teil der Reise waschen. Schöne Aussichten, schönes Wetter und viel Zeit für uns, da wir heute nur 10-15 km paddeln müssen.

Mit diesen Gedanken lege ich mich rücklings auf das Gepäck, schliesse die Augen und geniesse die warmen Sonnenstrahlen. Simi hat sich bereit erklärt, die Stellung zu halten, so dass ich ein kleines Nickerchen auf dem Boot abhalten kann. Und dies kann ich jedem nur empfehlen. Das Boot schaukelt leicht hin und her, kleine Wellen klatschen an die Bordwand und nur das sanfte Eintauchgeräusch des Paddels ist zu hören, gefolgt von einer Tropfensinfonie, welche entsteht, wenn das Paddel wieder aus dem Wasser gezogen wird. Und das Beste an dieser Kanu-Schaukel-Meditation ist, dass Simi das Boot immer schon in Richtung Sonne ausgerichtet hält. Ein wohliger Schauer läuft mir über den Rücken und ich bin mit mir und dem Rest Welt sehr zufrieden.

Doch auf einmal höre ich Hilferufe! Sie sind hoch und schrill und lassen keine Zweifel aufkommen: da ist jemand in grosser Not. Blitzschnell richte ich mich auf, blinzle meine Träume weg und bin bereit, mich als Rettungsschwimmer (ich habe im letzten Sommer  bei Simi das Seepferdchenabzeichen bestanden) nützlich zu machen. Ich lasse meinen Blick über das Flussufer schweifen - nichts. Ich schaue in Richtung Himmel - nichts. Und wieder höre ich diese lauten, ängstlichen Rufe. Da muss doch was sein oder habe ich mir einen Stilletinitus eingefangen? Nein, dort hinten sehe ich etwas. Da schwimmt doch tatsächlich ein Streifenhörnchen mitten im Fluss, respektive strampelt um sein Leben. „Streifenhörnchen über Bord! Alle Maschinen stopp!“, rufe ich Simi zu. Mit vereinten Paddelschlägen rudern wir rückwärts gegen die Strömung Richtung Unglückshörnchen. Als Einstiegsleiter halte ich ihm das Paddel hin. Das Streifenhörnchen lässt sich nicht zweimal bitten und klettert hastig an Bord und versteckt sich zitternd und patschnass zwischen dem Gepäck. Ich denke nur: Hoffentlich ist es ihm nicht zu wohl und es beginnt, an der Bootswand zu knabbern. Doch meine Sorge ist unbegründet, denn das Hörnchen muss zuerst wieder zu Atem kommen. Wir paddeln mit unserem Gast eiligst ans nächste Ufer und bitten es, auszusteigen. Noch nass, jedoch mit einem frechen Grinsen auf den Zähnen, hüpft das Streifenhörnchen aus dem Boot und über die Kiesbank zum angrenzenden Wald. Wir sind stolz, dass wir den kleinen Hauptdarsteller von Ice Age und somit die nächste Folge (welche im Sommer 2016 in die Kinos kommt) retten konnten; gern geschehen J!

Noch voll beflügelt vom Adrenalin haben wir gar nicht bemerkt, dass vor uns das erste Etappenziel am Horizont auftaucht. Im Dorf Kobuk wohnen rund 200 Leute, welche nur über eine Luftbrücke mit der Zivilisation verbunden sind. Langsam nähern wir uns den ersten Hütten. So muss sich Kolumbus gefühlt haben, als er Amerika entdeckte. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir von überall beobachtet werden, doch zu sehen ist praktisch niemand. Wir landen an, steigen aus unseren Kanus und ziehen sie etwas die Böschung hoch. Nun sind wir also in Kobuk. OK - und was nun? Wir stehen einfach nur da, fühlen uns etwas ausgestellt und sind uns unserer nächsten Schritte unschlüssig. Mal abwarten. Mit dieser Taktik fährt man in Alaska ganz gut. Man gibt sich gegenseitig die nötige Zeit, sich auf den anderen einzustellen. Nach ein paar Minuten schlendert ein Eskimomann „zufällig“ am Ufer entlang, kommt auf uns zu und erkundigt sich, ob wir einen Elch gesehen haben. Von tief unten holt er einen grossen, braunen Schleimigen herauf und spuckt ihn auf den Boden. Hoppla, ist das eine Art von Revierverteidigung? Als wir ihm sagen, dass wir keinen Elch gesehen haben, nickt er bloss und sein Interesse an uns ist weg - ebenso er selber. Wir stehen wieder alleine oben an der Böschung und - warten. Ein paar Minuten später taucht ein jüngerer Mann auf und das Ganze wiederholt sich: Die obligate Elchsichtungsfrage, abgeschlossen mit einem, diesmal etwas dünnflüssigeren, braunen Schleimigen. Dieser Eskimo ist aber auch an uns und unserer Reise interessiert. Er führt anschliessend Simi und Philipp durch die „City“, René und ich bewachen das Gepäck, denn Guy, so heisst der Eskimo, warnt uns vor den vielen Räuber, die im Dorf leben. Als Simi und Philipp von ihrer Besichtigungstour zurückkehren, schauen René und ich in zwei nicht gerade strahlende Gesichter. Die öffentlichen Duschen, wie auch das Wäschehaus gibt es nicht mehr, ebenso wenig wie ein Restaurant oder eine überdachte Bleibe. Doch Guy strahlt mit seinem Dauergrinsen all unsere Enttäuschung weg und zeigt uns einen Platz, auf dem wir unsere Zelte aufstellen können. Flexibilität und Gelassenheit - zwei Wörter, welche eine immer grössere Bedeutung auf unserer Reise bekommen. Und so setzen wir auf die andere Seite des Flusses über und bauen unser Camp auf. Simi und René anerbieten sich, das Nachtessen zu kochen. Phillip und ich wollen im Gegenzug im Kobuk Store shoppen gehen. Der Kobuk Store entpuppt sich als Tante-Emma-Laden der Extraklasse. Ok, vielleicht etwas teuer, doch man bekommt alles, was das Herz begehrt: Schokolade, Cola, Mehl, DVD’s, Motorsägen, Gewehre und Pistolen - jedoch keinen Tropfen Alkohol. Alle Eskimodörfer sind „trocken“, zum Ärger der Eskimos und auch von uns. Die Alkoholproblematik ist in Alaskas Norden ein grosses Problem und die Regierung tut gut daran, das Verbot rigoros durchzusetzen. Wir sind überzeugt, dass sich ganze Dörfer zu Tode trinken und so der letzte Rest von Eskimokultur im Alkoholrausch weggespült werden würde. Und so vertrösten wir unsere Gelüste auf ein kühles Blondes auf später.

Vollbepackt mit Leckereien kehren wir in unser Camp zurück, wo wir von Simi und René schon sehnlichst erwartet werden. Unsere Shoppingtour hat sich nämlich etwas in die Länge gezogen, da wir überall wieder „hängengeblieben“ sind. Zuerst beim Verkäufer im Kobuk Store, einem ausgewanderten Russen, welcher nach anfänglicher Zurückhaltung eine Geschichte nach der anderen zum Besten gegeben hat. Dann gab es einen kurzen Schwatz mit der Dorfjugend, dann mit dem Dorfopa und dann tauchte Guy wieder auf. Es ist spannend, so nah am Leben der Einheimischen zu sein. Da sind plötzlich ganz andere Dinge und Werte wichtig, über welche wir uns zu Hause in der Schweiz nie Gedanken machen würden. Schlussendlich müssen wir uns richtiggehend losreissen und versprechen, dass wir morgen wiederkommen, denn wir sind wie gesagt, etwas spät dran. Doch mit den feinen Gaben haben wir einen guten Joker im Ärmel. Wir beeilen uns, schnellstmöglich zum Camp zurück  zu kehren. Zu meinem Erstaunen meint Simi zu unserer Verspätung nur: „Ich habe schon vermutet, dass es später werden wird und habe eine zusätzliche Stunde miteingeplant.“ Puhh, da haben wir ja wieder einmal Glück gehabt...

Der Abend in Kobuk beginnt mit dem Mondaufgang - voll und farbig. Als wir nach dem Essen am Feuer sitzen und unsere Erlebnisse austauschen, stösst Guy noch dazu. Er sucht richtiggehend den Kontakt zu uns. Er erzählt und fragt und lacht viel. Er lädt uns ein, ihm am nächsten Morgen beim Auseinandertrennen seiner gejagten Karibus zuzuschauen. Natürlich sind wir dabei, grosses Eskimo-Ehrenwort!

(Adi)


Montag, 10. November 2014

Ein magischer Ort

Als wir unser „letztes“ Lager aufstellen, beschliesse ich, das Hinterland zu erkunden. Vom Fluss aus konnte man nur erahnen, dass es hinter der Böschung, über die man nicht spähen konnte, eine Ebene haben musste. Und diese wollte ich nun sehen. Ich stapfe über die Kiesbank und steige die steile Böschung hinauf.
Was ich zu sehen bekomme, raubt mir den Atem. Soweit das Auge reicht, breitet sich vor mir eine riesige Ebene aus.


Der Boden besteht aus grossen, einzelnen Grasbüscheln, welche aber ziemlich sumpfig sind. Ich muss schauen, dass ich nicht zu lange an derselben Stelle stehe, da ich sonst einsinke. So balanciere ich von Büschel zu Büschel und hoffe, dass meine Schuhe einigermassen trocken bleiben.
Das Licht der untergehenden Sonne gibt der Szene den finalen Touch. So muss sich Winnetou gefühlt haben, als er durch die weite Wildnis geritten ist; hugh! Aber nicht nur mir ergeht es so.

Simi und die anderen beiden sind ebenso beeindruckt und wir starten eine Fotosession. Als dann Philipp noch seine Drohne startet, könnte man meinen, dass wir bei einem richtigen Filmdreh sind. Mit dem letzten Knips der Kamera verschwindet die Sonne dann am Horizont und es wird schlagartig kalt. Ich beschliesse, am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang wieder hierher zu kommen und hoffe, dass sich diese mystische Stimmung nochmals zeigen wird und ich sie mit der Kamera einfangen kann.

(Adi)


Morgengruss

Seit rund einer Woche sind wir nun unterwegs. Täglich stehen wir gemütlich zwischen 0830 und 0900 Uhr auf, bereiten unser Frühstück vor und kneten den Brotteig für den nächsten Tag. Es herrscht eine gemütliche, entspannte Atmosphäre. Jeder hat etwas zu tun und trotzdem kann sich jeder so viel Zeit lassen, wie er oder sie braucht. Manchmal stehe ich einfach nur da, atme die frische Morgenluft ein und lasse diese Morgenstimmung auf mich wirken. Auch wenn die täglichen Abläufe sich ähneln, Langeweile kommt nie auf. So stelle ich mir wahre Freiheit vor: keine Zwänge aushalten müssen, im Moment leben und reichlich Zeit für sich selber haben können. Ich versuche, diese Momente für zu Hause in meinem Herzen zu konservieren.

Nach dem Campabbau und dem Beladen der Boote, geht’s in der Regel um 1200 Uhr auf unserer Flussreise weiter. Jedes Mal freue ich mich auf das Unvorhersehbare. Ich freue mich auf jede Flusswindung, da hinter ihr etwas Neues, Spannendes hervorkommen kann. Und tatsächlich werden meine Hoffnungen praktisch jeden Tag erfüllt.

Manchmal grüsst der Bär, manchmal der Elch oder aber der Fischadler zeigt uns seine akrobatische Flugschau mit anschliessendem perfektem Fischfang. Unglaublich, mit welcher Präzision er jeweils aus der Luft in den Fluss hinabsticht und sich die Fische greift. Anschliessend werden die erbeuteten Fische während dem Auffliegen in Längsrichtung  gedreht, so dass der Fisch weniger Luftwiderstand verursacht. Und ich sitze in der ersten Reihe und kann das Spektakel bewundern - toll!


Nicht nur die Tiere grüssen uns herzlich. Eines Morgens entdecken wir am Ufer ein Camp. Die Konstruktion der Hütten besteht aus dünnen Stämmchen, welche mit Plastikblachen eingekleidet sind. Ich bin eigentlich etwas enttäuscht, da ich mir die Inuit- und Indianercamps etwas romantischer vorgestellt habe. Irgendwie so mit Tipis und Squaws davor, welche die erlegte Beute der Männer verarbeiten. Doch sicher keine solchen Plastikhütten. Die Bilder von „Free Zaffaraya“ von den 80er Jahren kommen mir in den Sinn.

Das Camp ist bewohnt. Kinder springen barfuss am Ufer entlang und erwachsene Personen stehen herum. Als sie uns entdecken, winken und rufen sie uns  „Welcome in Alaska!“ zu. Wir winken zurück, bedanken uns und schon sind wir am Camp vorbeigetrieben. Upps, das ging jetzt aber etwas schnell. Wir beschliessen, beim nächsten Camp anzulegen, wenn wir wieder so herzlich begrüsst werden. 

Es dauert dann auch nicht lange, bis wir auf das nächste Camp stossen. Wir landen an und begrüssen die Einheimischen richtig. Es ergibt sich ein spannendes Gespräch, in welchem wir all unsere Fragen zum Land, den Tieren und den Gewohn- und Gepflogenheiten der Inuit stellen können. Die Inuit nehmen sich Zeit, uns alles zu erklären und zu zeigen. Für mich ist dies erlebte Geschichte, denn vor hundert Jahren haben diese Menschen ähnlich gelebt. Der Fischfang und die Jagd waren dazumal gleich bedeutend wie heute.

Der ganze Alltag der Inuit hat sich schon damals hauptsächlich um die Nahrungsbeschaffung gedreht. Auch das Rollenverständnis von Mann und Frau ist gleich geblieben: Die Männer sind für die Jagd und den Fischfang, die Frauen für die Weiterverarbeitung  der erlegten Tiere zuständig.

Nach rund dreiviertel Stunden verabschieden wir uns von den Eskimos. Wir sind sehr beeindruckt und haben auf der Weiterfahrt Zeit, das Gehörte und Erlebte nochmals gemeinsam zu diskutieren, bis wir an einer wunderschönen Kiesbank unsere Zelte aufstellen. Es wird das letzte Camp am Kobuk-River sein, da wir nun nur noch ungefähr 15 Kilometer von unserem ersten Etappenziel Kobuk (Dorf) entfernt sind und morgen dort eintreffen werden.


(Adi)



Montag, 27. Oktober 2014

Lachsfischen à la René

Alaska ist, wie wir alle wissen, sehr bekannt für den grossen Reichtum an Lachsen. Ich kenne Fischer, welche jedes Jahr nach Alaska reisen, um sich ihre Jahresration an Lachs selber zu fangen. Natürlich ist unser Ehrgeiz auch geweckt worden. Tagtäglich sehen wir die grossen Fische an und unter uns vorbeischwimmen. So ein feines Lachsfilet auf dem Teller wäre extrem toll. Schon der blosse Gedanke daran lässt den Speichel fliessen. Und wie so oft, werden unsere Gedanken materialisiert. Als wir für unser Nachtlager an einer Kiesbank anlegen, entdeckt René einen Lachs, der „steckengeblieben“ ist. Er hat einen Seitenarm des Flusses erwischt, der im oberen Bereich nur noch sehr seicht ist. Die Hälfte seines Körpers ragt aus dem Wasser und ist nun Zielscheibe für Jäger René. Bewaffnet mit seinem Paddel schleicht er sich gekonnt an seine Beute heran und legt auf den letzten Metern einen ungeheuerlichen Spurt hin. Was jetzt folgt, ist filmreif. René jagt im seichten Wasser dem Lachs hinterher. Es sieht aus, als ob man Strom in den Fluss geleitet hätte. Es spritzt und klatscht und mitten drin René, der, so sieht es aus, einen ekstatischen Tanz vollführt. Schlussendlich kann er den ermüdeten Lachs mit dem Paddel an Land bugsieren.

René hat nur mit Manneskraft einen Lachs erlegt; bravo! Der Lachs schmeckt hervorragend und noch lange wird die Jagd in allen Details am Lagerfeuer nachbesprochen. Aber ob der Lachs jetzt wirklich zwei Meter lang gewesen ist, bin ich mir am Schluss nicht mehr ganz sicher...

(Adi)

Platzwahl

Wenn es um die Platzwahl für die Übernachtung geht, ist man am Kobuk bestens bedient. Praktisch nach jeder Kurve bieten sich perfekte Plätze an. Meistens sind es Kiesbänke. Zu Beginn dachten wir, dass ein Sandstrand auch noch schön wäre. Doch dies ist ein Irrtum. Der feine Sand klebt überall und man kriegt ihn kaum mehr aus dem Schlafsack, den Kleidern, den Taschen und nicht zuletzt auch nicht mehr aus dem Boot. Vor allem Letzteres leidet auf Dauer stark, da der Sand wie ein Schmiergelpapier wirkt. Deswegen zelten wir doch lieber auf dem etwas unbequemeren Kies. Dank unseren aufblasbaren Schlafmatten ist dies jedoch kein Problem.

Feuerholz hat es auch genug. Das Schwemmholz gibt es in allen Dicken und Längen. Der Nachteil ist nur, dass es vollkommen ausgelaugt und der Brennwert nicht mehr sehr gut ist. Es braucht Unmengen davon, wenn wir damit Kochen und noch etwas am Feuer sitzen wollen. Und Bewegung tut ja bekanntlich gut.

Als wir am dritten Tag nach unserem Start wiedermal an einem schönen Übernachtungsplätzli am Holz sammeln sind, ruft Philipp auf einmal: „Schaut dort, ein Grizzly!“ Tatsächlich trottet in etwa hundert Metern Entfernung ein Prachtexemplar von Bär auf uns zu. Er kann uns nicht wittern, da wir gegen den Wind stehen. Schnell ist das Holzsammeln vergessen und wir stehen alle am Flussufer, bewaffnet mit Kamera und Bärenspray. Es ist unser erster Grizzly, den wir  in wilder Laufbahn sehen. Nun hat es keinen schützenden Zaun mehr zwischen uns und ihm - jetzt sind wir mittendrin! Puuh, eine ganz neue Erfahrung. Wir alle sind wachsam, fühlen uns aber sicher. Jeder denkt wohl, dass ja noch drei andere da sind, welche sich der Bär zuerst holen kann...

Meister Petz lässt sich nicht stören. Er wandert „seine“ Uferseite ab, frisst ab und zu etwas Lachs, schnuppert in der Luft und läuft weiter. Lachse hat es nämlich zuhauf am Ufer liegen. Die Rangerin in Bettles hatte uns informiert, dass wir am Kobuk-River grösstwahrscheinlich viele tote Lachse sehen werden. Es habe so viele Fische im Fluss, dass es dort zu wenig Sauerstoff gibt und die Lachse deswegen verenden. Tatsächlich sind die Ufer häufig mit Lachskadavern übersät und es riecht dementsprechend. Wir sind aber nicht unglücklich darüber, denn wir glauben, dass die Bären so satt sind und keine Lust mehr auf Schweizerschnitzel haben.

So sind wir überzeugt, dass wir einmal mehr am richtigen Ort zum Übernachten angelegt haben und nehmen unsere Holzsammlertätigkeit wieder auf. Spätestens nachdem wir Renés Zwiebel-Kohl-Gemisch in unseren Mägen haben, sind wir uns zu hundert Prozent sicher, dass wir eine nicht ruhige, jedoch bärenfreie Nacht haben werden.
 
(Adi)